Didaktischer Ansatz

Bei den drei Planspieltagen handelt es sich um ein konstruktivistisches Planspiel, das den Grundsätzen der konstruktivistischen Didaktik nach Kersten Reich (Konstruktivistische Didaktik. Weinheim u.a. [Beltz] 2006) zu folgen versucht. Für diese Didaktik ist es wesentlich, die Lernenden sowohl auf der Beziehungs- als auch auf der Inhaltsseite möglichst aktiv und partizipativ in alle Lehr- und Lernvorgänge einzubeziehen.
Dabei wird in der konstruktivistischen Didaktik insbesondere ein neues Lernverständnis vertreten, wie es hier vereinfachend einem älteren Lernverständnis gegenüber gestellt wird:

Die neuen Sichtweisen sind insbesondere aus konstruktivistischen Lehr- und Lerntheorien gewonnen. In den neuen Sichtweisen wird der grundlegende demokratisierende und plurale Bezug konstruktivistischer Erkenntniskritik deutlich. Alle Konstrukteure von Wirklichkeiten – Lernende auf allen Stufen – sollen entsprechend ihres Alters durchgehend und an Handlungen und Ereignissen orientiert an Begründungen von Wahrheitssetzungen und Aussagen mitwirken und deren Geltungsraum kritisch beurteilen lernen. Die grundsätzliche partizipative und handlungsorientierte Ausdeutung des Lernens wendet sich insbesondere gegen Lehrplansetzungen allein durch äußere Expert/-innen und setzt die Lehrenden und Lernenden vor Ort als eine gemeinsam forschende, aber auch verantwortliche Verständigungsgemeinschaft ein, die kein vollständiges, sondern ein viables („passendes“) Wissen mit Relevanz für die gegenwärtige Lebenswelt erarbeiten.
In den neuen Sichtweisen zum Lernen zielt dieses auf ein Wachstum, ein Grundgedanke, den besonders konsequent John Dewey verfolgte. Lernen soll nicht bloß reproduzieren oder abbilden, sondern einen Zuwachs an Lernen, d.h. vor allem neben Fachkompetenzen auch an Methoden-, Sozial- und Beziehungskompetenzen ermöglichen, nicht nur ein lebenslanges Lernen vorbereiten, sondern auch Methoden, besonders solche, effektiv zu lernen, vermitteln. Dabei wird im internationalen Schulvergleich besonders das deutsche Defizit einer geringen Gemeinschaftserziehung, einer fehlenden community im Lernen, sichtbar, auch einer mangelhaften Solidarität mit schwachen Lerner/-innen und ein Mangel an einer ausgewiesenen kompensatorischen Erziehung. Schon die Dreigliedrigkeit des Schulsystems erzeugt in Deutschland unterschiedliche Bildungsklassen stärker als sie zu verhindern, wie der internationale Schulvergleich zeigt. Die „Bildungsferne“, die in Deutschland insbesondere für Hauptschüler/-innen beklagt wird, geht strukturell auch auf die Aussonderung dieser Gruppe gegenüber anderen Lerner/-innen zurück. Es ist für deutsche Pädagog/-innen und Politiker/-innen oft nicht vorstellbar, dass eine integrative Schule mit allen Schüler/-innen über mindestens neun Schuljahre funktionieren kann. Eine kurze Reise in benachbarte Länder würde genügen, sie eines Besseren zu belehren.
Wo in erfolgreicheren Bildungssystemen längst deutlich geworden ist, dass die Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden kultiviert und besonders kommuniziert werden müssen, da ist in alten Sichtweisen noch eine rationalistische Inhaltsdominanz vorherrschend, die auch gerne alle Wahrheitsfragen für die Schüler/-innen von Expert/-innen lösen lässt und wenig Vertrauen in die konstruktiven Kräfte der nachwachsenden Generationen legt. Eine systemische Sichtweise dagegen rechnet nicht mit einem linearen Fortschritts- oder einem einfachen Input-Output-Modell, sondern sieht Pädagogik und Didaktik als eine komplexe, schwierige, zirkuläre Aufgabe, die komplexe Beobachtungen und Reflexionen – und dabei auch Supervisionen von außen – notwendig macht.
Wenn Problemschüler/-innen gehäuft in bestimmten Bildungseinrichtungen versammelt werden, dann ist für die Lehrenden wie Lernenden keine günstige Lernumgebung vorhanden. Es bedarf eines großen Engagements, um solche Strukturdefizite auszugleichen. Ein Planspiel wie das hier vorgestellte ist eine der möglichen Alternativen, um auch mit „bildungsfernen“ Jugendlichen wieder in die Nähe von bewusst intendierten und erfolgreichen Lernprozessen zu kommen. Dabei wird allerdings kein stereotyper Unterricht mit kalkulierbaren frontalen Phasen gegeben, der relativ risikoarm und angepasst erscheint, der aber auch langweilig und demotivierend ist, sondern es werden Kräfte der Lernenden frei, die einen didaktischen Wagnischarakter tragen. Wer solche Planspiele durchführt, ist risikobereit und wagt eine Auseinandersetzung mit dem Rebellischen, wie es für Jugendliche typisch und entwicklungsbezogen notwendig ist. Die Lernprozesse, die uns als ganze Person sowohl emotional als auch kognitiv und motorisch gefangen nehmen, sind jedoch allemal förderlicher als die große Langeweile, die uns heute vielfach in einer ängstlichen pädagogischen Kultur begegnet. Ein Planspiel, dies muss von vornherein deutlich sein, ist nicht nur lebendig und interessant, sondern es hat auch laute, teilweise chaotisch erscheinende, unkalkulierbare Seiten. Wenn auf die Regeln geachtet wird, muss es dadurch jedoch nicht zu Gewalt oder Zerstörung kommen. Es setzt bei den Nerven der Beteiligten jedoch eine gewisse Toleranz voraus, insbesondere aber bei den Lehrenden ein Vertrauen in die Lernenden, nicht zu sehr ins Extreme zu verfallen.
Wir haben in der Entwicklung der Didaktik der hier vorgestellten Planspiele sehr darauf geachtet, dass die Planspieltage auch geordnet und nach Regeln gespielt werden können, ohne die Stärke der Planspiele – kreativ, offen, erlebnisbezogen, dynamisch zu sein – zu zerstören. Es ist notwendig, dass eine solche ausbalancierte Didaktik zwischen Ermöglichung von Erfahrungen und Erlebnissen als Anstoß auch zu kognitiven Entwicklungen nicht zu sehr durch das Vermeiden jeden Risikos durch Lehrerdominanz und Verhinderung von Freiräumen direkt ausgesperrt wird.
Hier ist die Haltung der Lehrenden der entscheidende Schlüssel, ob sich ein neues und durchaus erfolgreiches Lernverständnis durchsetzen kann. So setzt z.B. die finnische Lehrerbildung als kontinuierlicher Sieger in internationalen Schulleistungstests durchgehend auf eine konstruktivistische Didaktik, die sie auch ihren Lehrplänen zugrunde legt. An solche Vorbilder versuchen wir hier im Lernverständnis anzuschließen.
Das konstruktivistische Planspiel nimmt viele der neuen Sichtweisen auf und versucht, insbesondere durch die Vielfalt der Zugänge (Multimodalität), eine Erweiterung der Perspektiven und Rollenübernahmen (Multiperspektivität) und eine Vielzahl von individuellen und gruppenbezogenen Ergebnissen (Multiproduktivität) das Lernen zu fördern und anspruchsvoll zu gestalten. Dabei gehen wir didaktisch von der Grundüberzeugung aus, dass solches Lernen dann effektiver wird, wenn es mit einem eigenen Erleben, einer eigenen Bedeutungs- und Problemerkennung beginnt, um sich dann auf die Suche nach Informationen und eigenen Lösungen zu machen, die kritisch mit den Lösungen von anderen verglichen werden. Die Übertragbarkeit der eigenen Lösungen auf andere Zusammenhänge und die Reflexion des eigenen Lernprozesses auf der Inhalts- und Beziehungsseite gehören ebenso zu dieser Didaktik wie die Evaluation des Erreichten durch Feedback und Befragungen.