Evaluationsergebnisse

Im Folgenden werden die Ergebnisse der Evaluation dargestellt. Angesichts der Fülle der Daten kann dies im an dieser Stelle gegebenen Rahmen nur exemplarisch und in zusammenfassender Art und Weise geschehen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf den Ergebnissen der dritten Erhebungswelle, da diese sich auf das Planspiel in seiner endgültigen Konzeption beziehen. Bezüglich einer detaillierten Analyse der Einzelergebnisse sei auf den Abschlussbericht der Evaluation verwiesen.

Die für die Planspielentwicklung grundlegende Bedarfs- und Bedingungsanalyse erweist für die Zielgruppe ein relativ enges Verständnis von Politik, das sich vorwiegend auf die Bundes- und Weltpolitik bezieht und den Jugendlichen dadurch wenig Raum lässt, selbst aktiv zu werden. Die Bereitschaft zu eigener politisch motivierter Aktivität ist zwar vorhanden und wird auch teilweise gelebt – wie bei z. B. bei einer Ausführung des Amtes des Klassensprechers oder der Klassensprecherin. Ihre eigene Wirkmächtigkeit jedoch wird von den Jugendlichen als eher gering eingeschätzt; ein Selbstverständnis als politisches (Handlungs-)Subjekt ist kaum vorhanden. Aus der Befragung zur Bedarfs- und Bedingungsanalyse geht weiterhin hervor, dass die Jugendlichen sich im Gegensatz zu aktuellen tagespolitischen Themen für „klassische“ Inhalte des Politikunterrichts, wie z. B. den Aufbau des Wahlsystems, nur schwer begeistern lassen. Auf methodischer Ebene präferieren die befragten Jugendlichen interaktive, schülerorientierte und multimediale Ansätze. In Bezug auf Rollenspiele zeigen sie sich prinzipiell aufgeschlossen, jedoch bezweifeln sie die Lernwirksamkeit einer solchen Form. Die Ergebnisse der Evaluation zeigen jedoch häufig, dass die Jugendlichen nach Durchführung des Planspiels angaben, viel gelernt zu haben.

Die Ergebnisse der Bedarfs- und Bedingungsanalyse sowie die beiden Expertisen (vgl. Reich 2005; Roth 2005) gaben also die zentralen Impulse für die Entwicklung der grundsätzlichen Konzeption des Planspiels:

  • Die „Inselwelt“, der erste Planspieltag, setzt an Einstellungen zur Demokratie, der Verfügbarkeit demokratischer Prozeduren und Ordnungsvorstellungen der Zielgruppe an und vermittelt in einem erlebnispädagogischen Setting grundlegende Inhalte politischer Bildung: Verschiedene Herrschafts- und Gesellschaftsformen werden insbesondere in ihren Konsequenzen für Entscheidungsprozesse erlebbar gemacht. Die Jugendlichen werden spielerisch an Erfahrungen politischen Handelns herangeführt.
  • Die „Lebenswelt“ wendet das enge, auf die Bundesebene fokussierte Politikverständnis der Jugendlichen auf kommunale, alltagsweltliche und damit greifbare Prozesse hin: Auf lokaler Ebene wird von verschiedenen Interessensgruppen um die Einrichtung eines Jugendzentrums gerungen. Dabei werden Spielregeln, Verständigungsprozesse und Handlungsmöglichkeiten kommunaler Politik kennengelernt und die Erfahrung politischer Handlungsfähigkeit ermöglicht.
  • Die „Wissenswelt“ festigt auf kognitiver Ebene das in Insel- und Lebenswelt erworbene politische Wissen und fördert – basierend auf Erkenntnissen konstruktivistischer Didaktik – die Vernetzung von Handlungs- und Faktenwissen in selbst gesteuerten Lernprozessen: Die Jugendlichen produzieren ihre eigene Quiz- Show mit selbst entwickelten Fragen und Antworten zu politischen Themen. Darüber erwerben sie auch ein methodisches Wissen zum Zustandekommen politischen Wissens.

Ein besonderer Stellenwert im Planspiel kommt der Förderung der Medienkompetenz zu. Aus der Prozessevaluation ist hervorgegangen, dass die Mediengruppen der jeweiligen Spieltage zusätzliche Hilfen zur Bewältigung ihrer Aufgabe benötigten. Daher wurde als weiteres Material das „Modul Medienkompetenz“ entwickelt und in einem eigenen Arbeitsschritt evaluiert.  Die Ergebnisse dieses zusätzlichen Evaluationsschrittes lassen erkennen, dass die Medienkompetenz der Teilnehmenden durch das Modul erweitert und gefestigt werden konnte. Es konnte gezeigt werden, dass der Wissenszuwachs über Wirkungsweisen und Strategien von Medien durch die in dem Modul entwickelten Anschauungsfilme erweitert wurde. Außerdem wurden die konkreten Aufgaben und Möglichkeiten der Mediengruppen in Insel- und Lebenswelt erfolgreich vermittelt und Wissen um den Umgang mit einer technischen Grundausstattung im Planspiel erweitert und gefestigt.

Als ein zentrales Ergebnis der Evaluation der ersten Erhebungswelle ist zu nennen, dass die erste Staffel des Planspiels in beiden pädagogischen Einrichtungen – Schule und Jugendzentrum – bei den Jugendlichen gleichermaßen gut ankommt. Es finden sich trotz der unterschiedlichen Voraussetzungen in der Haupt- und Gesamtschule einerseits und im Jugendzentrum andererseits keine nennenswerten Differenzen hinsichtlich der Spielfreude und des Spielverständnisses auf Seiten der Jugendlichen. Auch bezüglich der Durchführung unterscheidet sich die Wahrnehmung der pädagogischen Expert/-innen an beiden Erhebungsorten nicht, so dass die Inselwelt vom Spielaufbau und der Spielfolge als sowohl den Rahmenbedingungen der schulischen wie auch der außerschulischen Jugendbildung angepasst gelten kann. Des Weiteren liefern die drei Perspektiven der Evaluation – zum einen die Befragung der Jugendlichen und zum anderen die Befragung der mittelbar beteiligten Akteure sowie die Beobachtungen – sehr unterschiedliche Einblicke in das Planspielgeschehen. Auffällig ist dabei, dass die Bewertung des Planspiels durch die Jugendlichen selbst am besten ausfällt und sie Freunden und Bekannten empfehlen würden, bei nächster Gelegenheit an dem Planspiel teilzunehmen.

Aus den Ergebnissen der Evaluation der zweiten und dritten Erhebungswelle geht zunächst hervor, dass die in Veränderungen an der Planspielkonzeption zusammenfassten Maßnahmen zur Weiterentwicklung des Planspiels Früchte getragen haben: Alle drei Perspektiven der prismatisch angelegten Evaluation zeigen, dass auf Seiten der Jugendlichen vielfältige Lernprozesse stattgefunden haben. Dabei ließ sich anhand der Vorher-Nachher-Befragung zum einen ein ausgewogenes Verhältnis von erworbenem Fakten- und Handlungswissen belegen: So waren teilweise signifikante Zuwächse im Bereich „politisches Wissen“ zu verzeichnen. Zum anderen ließ sich nach dem Planspiel eine stärkere Ausprägung „internaler politischer Kontrollüberzeugungen“ nachweisen. Dies bedeutet, dass die Jugendlichen ihre Selbstwirksamkeit in Bezug darauf, „etwas bewegen zu können“, nach dem Planspiel positiver beurteilen als zuvor. Dieses Ergebnis wird schließlich dadurch gestützt, dass im Bereich „politische Aktivität“ zu nahezu allen Items eine höhere Bereitschaft der Jugendlichen zu den einzelnen politischen Aktivitäten deutlich wurde. Dies belegt insofern den Erfolg der Maßnahme, als sie insbesondere dazu beiträgt, den in der Bedarfs- und Bedingungsanalyse festgestellten engen Politikbegriff der Jugendlichen zu erweitern. Somit unterstützt „Die Beste Aller Welten“ die Jugendlichen darin, ihre Möglichkeiten zur politischen Partizipation in einer demokratischen Gesellschaft sowohl wahrzunehmen als auch umzusetzen.

Die Ergebnisse der Befragung der mittelbar beteiligten Akteur/-innen untermauert das positive Bild: Der Großteil der Resultate stützt die Wirksamkeit des Planspiels und verdeutlicht, dass die pädagogischen Zielsetzungen der Maßnahme aus der Perspektive der Befragten größtenteils erreicht werden. Sehr erfreulich gestalten sich insbesondere die Einschätzungen bezüglich der erstmals in der Praxis erprobten Wissenswelt, dieser Spieltag wurde fast durchgehend am positivsten beurteilt.

Somit bestätigten die Ergebnisse der Evaluation der letzten Erhebungswelle, dass der Entwicklungsprozess erfolgreich abgeschlossen und das Planspiel in seiner jetzigen Form in der pädagogischen Praxis einsetzbar ist.

Zum praktischen Einsatz ergab sich aus Sicht der Evaluation eine Reihe von didaktischen Hinweisen; diese ergaben sich vor allem aus der Analyse der Beobachtungsprotokolle als dritter Säule der Evaluation und seien im Folgenden zusammengefasst:

  • Die pädagogischen Fachkräfte sollten bei der Bildung der Spielgruppen berücksichtigen, inwiefern sich deren Zusammensetzung auf das Arbeits- und Spielverhalten der Jugendlichen auswirkt. Sollte es zu erwarten sein, dass sich Jugendliche bei einer freien Einteilung der Gruppen gegenseitig in einer ablehnenden Haltung verstärken bzw. die Formation der Gruppen Konfliktlinien in der Gesamtgruppe widerspiegelt, so ist eine Einteilung der Gruppen durch die Spielleitung in Erwägung zu ziehen.
  • Eine intensive Nachbereitung des Planspiels ist von immenser Bedeutung. Dies betrifft zunächst inhaltliche Kriterien: Die pädagogischen Fachkräfte sollten während der Spielphasen darauf achten, welche Bildungs- und Erfahrungsbezüge die Jugendlichen in das Planspiel einbringen (z. B. Bezüge zum Nationalsozialismus), um im Nachgang die Möglichkeit nutzen zu können, aktualisiertes Wissen zu vertiefen, korrigierend auf verzerrte Wahrnehmungen einzuwirken und bestimmte Handlungskonstellationen retrospektiv gemeinsam mit den Jugendlichen zu analysieren. Insbesondere in der Institution Schule bietet es sich an, beobachtete Lernprozesse im weiteren Unterricht systematisch zu vertiefen. Weiterhin sollte die Gruppendynamik während des Planspiels reflektiert werden: Durch die nachträgliche Fokussierung von bestimmten, als positiv oder negativ erlebten Situationen (Entscheidungsblockaden, Nicht-ausreden-Lassen, das Finden einer einvernehmlichen Lösung) kann die Übertragung daraus gewonnener Handlungskompetenzen auf das reale Leben unterstützt werden. Auf private Konflikte, die das eigentliche Planspielgeschehen überlagern, gilt es zunächst während des Planspiels, z. B. durch eine Justierung des Spielverlaufs, angemessen zu reagieren, durch eine Reflexion solcher Konflikte kann aber auch die Gruppendynamik insgesamt positiv beeinflusst werden.
  • Um das Potenzial des Planspiels zur Unterstützung gesellschaftlichen Engagements der Jugendlichen auszuschöpfen, bietet es sich insbesondere in der Arbeit im Jugendzentrum an, dieses im Anschluss an das Planspiel systematisch zu unterstützen. Auf diese Weise können die Jugendlichen, z. B. durch Öffentlichkeitsarbeit für ihre Einrichtung, im Planspiel erworbenes Wissen und Kompetenzen in der Realität anwenden. Überhaupt bietet die Durchführung des Planspiels in einer Einrichtung der offenen Jugendarbeit ein großes Potenzial. Problematische Mechanismen aus der Institution Schule wie Anwesenheitszwang und Machtasymmetrie sind dort nicht bzw. weniger wirksam: Die Jugendlichen können Bildung in einem freiwilligen und selbstbestimmten Kontext erleben. Die guten Evaluationsergebnisse zum Planspiel gerade in den Jugendzentren ermutigen, politische Bildung stärker auch an diese offenen Bildungsorte heranzutragen.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass das Planspiel „Die Beste Aller Welten“ ein wirksames, in der Praxis erprobtes, wissenschaftlich evaluiertes und in verschiedenen institutionellen Kontexten einsetzbares Instrument zur politischen Bildung von Jugendlichen darstellt.